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SUNRISE

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N

icht weniger als den Nobelpreis haben die drei klugen Köpfe Max, Brian und Rydec vor Augen. Dass ihnen diese Auszeichnung sicher ist, steht außer Zweifel. Das Trio beschäftigt sich nämlich mit der Teleportation von Plattform zu Plattform. Ein alter Traum der Menschheit scheint zum Greifen nahe. Endlich ist der Zeitpunkt gekommen, an dem der Versuch glücken soll. Allerdings scheint die Beaming-Maschine ihre eigenen Vorstellungen von einer geglückten Testreihe zu haben.

Mit lautem Getöse fliegt das halbe Labor auseinander und befördert Rydec und seine beiden Kollegen zwar nicht von einem Ort zum anderen, dafür jedoch vom Wachzustand in die Ohnmacht. Als die jungen Forscher wieder aufwachen, ist bereits ein regnerischer Abend angebrochen. Fatal nur, dass diese Dämmerung die ganze Zeit anhält, ohne die geringste Veränderung. Obendrein ist es merkwürdig still in der Stadt. Allmählich kommt ihnen die Lösung in den Sinn: Die Bewohner sind einfach vom Erdboden verschwunden.

Sprücheklopfer
Spielheld Rydec ist ein eher mürrischer Zeitgenosse, legt aber zeitweise einen angenehm trockenen Humor an den Tag.

Bis auf eine Frau, die direkt vor der Eingangstür des Labor-Lofts bewusstlos zusammenbricht, scheint die Stadt wie ausgestorben zu sein. Dieses Phänomen scheint irgendwie mit ihrem Experiment in Verbindung zu stehen. Brian, der Technik-Tüftler, macht sich sogleich an die Arbeit, um die Maschine zu reparieren und den Urzustand der Welt wieder herzustellen, während Frauenheld Max sich um die ohnmächtige Unbekannte kümmert. Rydec wird unterdessen vom Spieler durch die Stadt gesteuert, um herauszufinden, was geschehen ist, und um die Hilfsmittel zur Reparatur zusammenzutragen. Dass der Weg ziemlich lang, entbehrungsreich und voller Rätsel ist, kann sich der erfahrene Adventurefreund ohne große Umstände vorstellen. Doch es erwarten den Spieler auch ein paar Überraschungen, je mehr die Geschichte ihren Lauf nimmt. Um in einer Stadt ohne Einwohner zu überleben, müssen Läden aufgemacht und allerhand Gegenstände „ausgeborgt“ werden. Sonst würde das Quartett ja am Ende noch aus falsch verstandenem Anstand verhungern.

Jemand zu Hause?
Dies ist also die prekäre Ausgangssituation, die der Spieler in „Sunrise – The Game“ vorfindet. Als Rydec muss er nun herausfinden, wie man das Missgeschick wieder gerade biegen kann. Alle möglichen Fälle könnten ja eingetreten sein. So könnte es zum Beispiel sein, dass man nicht versehentlich die Bevölkerung weggebeamt hat, sondern sich das Trio in einer anderen Dimension aufhält. Oder sind die Wissenschaftsfreaks am Ende gar völlig unschuldig an dem Schlamassel, und alles ist nur ein böser Zufall? Nach und nach findet man es heraus und arbeitet sich Stück für Stück an eine Lösung heran. Puzzles findet man dabei eigentlich nicht vor. Das, was man in einem Moment braucht, baut man sich unter Umständen schon einmal aus Einzelteilen zusammen, aber richtig harte Nüsse gibt einem das Spiel nicht zu knacken. Lediglich die richtige Funktion seines Multitools muss man dann kennen. Eine Schraube dreht man ja nicht mit dem Messer aus der Fassung, wenn man einen Schraubenzieher zur Verfügung hat. Also braucht man sich nicht vor fiesen Steck-, Zahlen- oder Kombinationsrätsel zu fürchten, die einen Ernö Rubrik zur Verzweiflung getrieben hätten oder den Verfassern von Spielelösungs-Nachschlagewerken eine Einkommensquelle bescheren. Jeder Adventurefan, der einmal mit dem Backrezept aus „Still Life“ konfrontiert wurde, wird dafür dankbar sein. Hartgesottene Tüftler werden sich aber schnell unterfordert fühlen.

Rydec nimmt nur in sein Inventory auf, was er in dem Moment benötigen könnte und was ihm für sein aktuelles Problem gerade sinnvoll erscheint. Dass einige Gegenstände erst später für ihn von Bedeutung sein könnten, lässt er dabei ganz außer Acht. Dass man dadurch einige Wege mehrfach ablatschen muss, versteht sich von selbst. Ärgerlich für Leute, die gerne einmal voraus denken und die Murphys Gesetz für eine der wenigen Konstanten im Leben halten. Geduld muss man auch bei seinen langen Fußmärschen mitbringen. Rydec ist eher ein Vertreter des gemächlichen Ganges. Glücklicherweise sucht man in Bälde diverse Ortschaften mit einem Auto auf. Manchmal entsteht beim Spielen der Eindruck, man nehme an einem interaktiven Umsetzung des bekannten „Memory“-Spiels Teil: Rydec steht vor einer bestimmten Situation, muss sich erinnern, wo der Gegenstand liegen könnte, den er zur Lösung braucht, und macht sich schlussendlich auf die Socken, um diesen Gegenstand zu besorgen. Glücklicherweise haben die Entwickler mehrere Wege zu des Rätsels Lösung zugelassen. Den einen oder anderen Weg kann man sich dadurch schon einmal sparen.

Kilometergeld
Manche Wege geht man aber mitunter auch mal ganz gerne ab. Die Umgebung ist durchsetzt von Details und präsentiert ein New York in vielen Facetten – von den farbenfrohen Boulevards mit ihren Lichtreklamen bis hin zu dunklen und tristen Wohngegenden. Damit man auch ausreichend motiviert ist, der misslichen Lage ein Ende zu machen, herrscht in der Metropole gerade miesestes Mistwetter. Das mag vielleicht die Pixel-Protagonisten ärgern, jedoch kann sich der Spieler an netten Wettereffekten erfreuen. Im Trockenen macht es dann auch gleich noch mal so viel Spaß, die ansprechenden Resultate der Designer zu beobachten. Teilweise muss man sich das Schietwetter auch zu Nutze machen. Ein Blitz gibt in dunklen Räumen nun einmal eine kurzfristige Lichtquelle ab. Auch an Tiefenschärfe oder an lebendigen Schatten wurde gedacht. Das altehrwürdige Spielprinzip bekommt auf diese Weise einen modernen Anstrich und kann sich durchaus mit aktuellen Produktionen messen. Die Cut-Scenes können grafisch dagegen nicht ganz mit der Ingame-Optik mithalten. Dafür sind die Texturen zu verwaschen, und die Bewegungen wirken manchmal noch arg steif. Lockerer sind dagegen die Sprüche der Darsteller. Flapsig bis allzu flapsig wurden sie von professionellen Synchronsprechern wie Torsten Michaelis (deutsche Stimme von Wesley Snipes) oder Andreas Fröhlich (Bob Andrews von den „Drei Fragezeichen“) aufgenommen. Vielleicht liegt es auch an dieser Auswahl berühmter Stimmartisten, dass an manchen Stellen Hörspielfeeling aufkommt. Trotzdem wirkt der Humor stellenweise etwas aufgesetzt. Im Allgemeinen ist diese Professionalität aber eine Bereicherung für die Atmosphäre und den trockenen Humor des Spiels.

Kleine Evolution
„Sunrise“ punktet mit frischen Gameplay-Ansätzen. Ausserdem lehnt es Rydec strikt ab, sich zu wiederholen.

So verschlechtert sich Rydecs Laune zuhörends, je länger der Dämmerzustand in der Stadt anhält. Schon klar, wer wäre schon als ehrlicher Mensch erbaut von der Vorstellung, alle dringenden Hilfsmittel mittels Einbruchdiebstahls zu erhalten? Da ist es doch schön, wenn er wenigstens seinen Humor nicht komplett verliert. Erfahrene Adventure-Spezialisten werden sich wohl mit ihrem bewährten Lösungssystem nicht allzu lange an den recht simplen Aufgaben aufhalten. Entweder sie marschieren innerhalb kürzester Zeit dem Ende entgegen oder gelangweilt aus dem Raum. Genießer dagegen werden gerne etwa 15 - 20 Stunden investieren, um die Fehler der Wissenschaft wieder ins rechte Licht zu rücken. Ganz und gar verzweifeln wird man übrigens auch in den verzwickteren Passagen nicht, denn ein PDA hält immer wieder sinnvolle Ratschläge bereit. Vorausgesetzt, man sieht diese Hilfe nicht als Minderung des Spielspaßes an.

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